Was im Lehrplan fehlt: Mentale Gesundheit praxisnah erleben

Ein Werkstattbericht aus unserem Workshop mit den Lernenden

Drei von vier psychischen Belastungen beginnen vor dem 24. Lebensjahr. Das ist keine Randnotiz, sondern das Ergebnis zweier grosser Meta-Analysen (Solmi et al., 2022; McGrath et al., 2023).

Und die Zahl meint mehr, als sie auf den ersten Blick sagt. Mentale und körperliche Gesundheit lassen sich nicht voneinander trennen – «No health without mental health», so wurde es schon vor knapp zwei Jahrzehnten auf den Punkt gebracht (Prince et al., 2007).

Schlaf, Bewegung, Ernährung und Stressregulation greifen ineinander. Wer chronisch schlecht schläft, denkt schlechter: Schon kurze Phasen von Schlafrestriktion beeinträchtigen Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Entscheidungsfähigkeit messbar (Lim & Dinges, 2010). Wer sich zu wenig bewegt, spürt das nicht nur körperlich: Regelmässige körperliche Aktivität reduziert Symptome von Depression, Angst und psychischem Stress in Meta-Analysen substanziell (Singh et al., 2023). Wer dauerhaft unter Strom steht, zahlt langfristig drauf: Chronischer Stress hält die HPA-Achse aktiv und beschleunigt jene kumulative Belastung des Körpers, die in der Forschung als allostatic load beschrieben wird (McEwen, 1998).

Hinter dieser Häufung von Belastungen im jungen Erwachsenenalter steckt mehr als Zufall. Die Adoleszenz ist eine sensible Phase der Hirnentwicklung – insbesondere in den präfrontalen Regionen, die für Emotionsregulation, Impulskontrolle und Selbststeuerung zuständig sind (Fuhrmann, Knoll & Blakemore, 2015). Junge Menschen reagieren empfindlicher auf Stress, sind aber gleichzeitig besonders offen für neue Gewohnheiten, die langfristig wirken. Genau in dieser Zeit werden gesundheitsrelevante Verhaltensweisen geprägt – und meist ins Erwachsenenalter mitgenommen (Spengler et al., 2014). Genau hier entscheidet sich, wie junge Menschen ein Leben lang mit Druck, Erschöpfung und Erholung umgehen.

Im Lehrplan und auch im Berufsalltag findet das Thema kaum Platz – und wenn es doch aufgegriffen wird, erreicht es die Lernenden oft nicht wirklich.

Warum wir fragen, bevor wir gestalten

Bevor wir im April einen Workshop «Mentale Gesundheit praxisnah erleben» starteten, haben wir 91 Lernende anonym befragt. Nicht, um Statistiken zu sammeln, sondern um zu verstehen, was sie tatsächlich beschäftigt. Was raubt euch den Schlaf? Wo seid ihr ausgelaugt? Was hilft euch heute schon – und was würdet ihr gerne lernen? Auf dieser Grundlage haben wir den Workshop konzipiert.

Theorie kennen, direkt Praxis erleben

Was wir in der Arbeit mit Auszubildenden immer wieder sehen: Wissen über Stress hilft nicht gegen Stress. Wer einmal gehört hat, dass tiefes Atmen das Nervensystem beruhigt, wird im Prüfungsmoment trotzdem flach atmen – ausser, der Körper hat es vorher geübt.

Deshalb haben wir den Workshop nicht als Theorievortrag gebaut, sondern als gemeinsame Werkstatt. Verschiedene konkrete Werkzeuge wurden in kleinen Runden direkt ausprobiert – hier einige Einblicke:

Box Breathing. Vier Sekunden einatmen, vier halten, vier ausatmen, vier halten. Die gleichmässige, langsame Atmung aktiviert den Parasympathikus (Laborde et al., 2022).

Fingeratmung. Mit dem Zeigefinger die Aussenseite der anderen Hand nachfahren – aufwärts einatmen, abwärts ausatmen. Selber physiologischer Effekt wie Box Breathing (Laborde et al., 2022), die Hand dient als Metronom. Unauffällig genug für Klassenzimmer, Tram oder Sitzungszimmer.

Bewegungsübungen. Schultern lockern, aufstehen, spielerische Pausen – zwei, drei Minuten, kein Sportoutfit nötig. Schon kurze Bewegungseinheiten verbessern messbar Stimmung und Aufmerksamkeit (Basso & Suzuki, 2017) und durchbrechen das Mittagstief.

Progressive Muskelrelaxation. Muskelgruppen kurz anspannen, dann bewusst lösen – von den Füssen bis ins Gesicht. PMR setzt am Körper an, nicht am Denken, und reduziert zuverlässig Stress, Angz und depressive Symptome (Muhammad Khir et al., 2024). Darum funktioniert sie auch bei Menschen, die das Wort «Meditation» schon nicht mehr hören können.

Was wir mitgenommen haben

Zwei Beobachtungen sind uns besonders geblieben.

Erstens: Der Wunsch nach konkreten Werkzeugen ist gross. Nicht nach Theorie oder Plakaten – sondern nach einfachen Techniken, die auch in stressigen Momenten funktionieren. Junge Menschen wollen Resilienz nicht nur verstehen. Sie wollen sie erleben.

Zweitens: Eine ehrliche Vorab-Umfrage macht einen grossen Unterschied. Sie zeigt, was die Lernenden wirklich beschäftigt – auch das, was im Workshop kaum laut gesagt wird. Und Lernende merken, ob ein Programm wirklich für sie gedacht ist.

Was bedeutet das für Lehrbetriebe?

Mentale Gesundheit in der Ausbildung ist kein Extra – sie ist Teil einer guten Begleitung junger Menschen in einen langen Berufsweg.

Wer das aufgreifen möchte, muss nicht mit grossen Programmen starten. Manchmal reicht es, wirklich zuzuhören – und den Lernenden dann konkrete Werkzeuge in die Hand zu geben. Genau dabei begleiten wir euch gerne.

Autorin: Nadine Blum

Quellen:

Basso, J. C., & Suzuki, W. A. (2017). The effects of acute exercise on mood, cognition, neurophysiology, and neurochemical pathways: A review. Brain Plasticity, 2(2), 127–152. https://doi.org/10.3233/BPL-160040

Fuhrmann, D., Knoll, L. J., & Blakemore, S. J. (2015). Adolescence as a sensitive period of brain development. Trends in Cognitive Sciences, 19(10), 558–566. https://doi.org/10.1016/j.tics.2015.07.008

Laborde, S., Allen, M. S., Borges, U., Dosseville, F., Hosang, T. J., Iskra, M., Mosley, E., Salvotti, C., Spolverato, L., Zammit, N., & Javelle, F. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 138, Article 104711. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104711

Lim, J., & Dinges, D. F. (2010). A meta-analysis of the impact of short-term sleep deprivation on cognitive variables. Psychological Bulletin, 136(3), 375–389. https://doi.org/10.1037/a0018883

McEwen, B. S. (1998). Stress, adaptation, and disease: Allostasis and allostatic load. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. https://doi.org/10.1056/NEJM199801153380307

McGrath, J. J., Al-Hamzawi, A., Alonso, J., Altwaijri, Y. A., Andrade, L. H., Bromet, E. J., Bruffaerts, R., Caldas de Almeida, J. M., Chardoul, S., Chiu, W. T., Degenhardt, L., Demler, O. V., Ferry, F., Gureje, O., Haro, J. M., Karam, E. G., Karam, G., Khaled, S. M., Kovess-Masfety, V., … Kessler, R. C. (2023). Age of onset and cumulative risk of mental disorders: A cross-national analysis of population surveys from 29 countries. The Lancet Psychiatry, 10(9), 668–681. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(23)00193-1

Muhammad Khir, S., Wan Mohd Yunus, W. M. A., Mahmud, N., Wang, R., Panatik, S. A., Mohd Sukor, M. S., & Nordin, N. A. (2024). Efficacy of progressive muscle relaxation in adults for stress, anxiety, and depression: A systematic review. Psychology Research and Behavior Management, 17, 345–365. https://doi.org/10.2147/PRBM.S437277

Prince, M., Patel, V., Saxena, S., Maj, M., Maselko, J., Phillips, M. R., & Rahman, A. (2007). No health without mental health. The Lancet, 370(9590), 859–877. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(07)61238-0

Singh, B., Olds, T., Curtis, R., Dumuid, D., Virgara, R., Watson, A., Szeto, K., O’Connor, E., Ferguson, T., Eglitis, E., Miatke, A., Simpson, C. E. M., & Maher, C. (2023). Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: An overview of systematic reviews. British Journal of Sports Medicine, 57(18), 1203–1209. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-106195

Solmi, M., Radua, J., Olivola, M., Croce, E., Soardo, L., Salazar de Pablo, G., Shin, J. I., Kirkbride, J. B., Jones, P., Kim, J. H., Kim, J. Y., Carvalho, A. F., Seeman, M. V., Correll, C. U., & Fusar-Poli, P. (2022). Age at onset of mental disorders worldwide: Large-scale meta-analysis of 192 epidemiological studies. Molecular Psychiatry, 27(1), 281–295. https://doi.org/10.1038/s41380-021-01161-7

Spengler, S., Mess, F., Schmocker, E., & Woll, A. (2014). Longitudinal associations of health-related behavior patterns in adolescence with change of weight status and self-rated health over a period of 6 years. BMC Pediatrics, 14, 242. https://doi.org/10.1186/1471-2431-14-242

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